Aus dem Chaos der Welt ragt das Kreuz
In Hallenberg wird jedes Jahr in der Osternacht mit Krach die Passionszeit vertrieben – ein Jahrhunderte alter Brauch, der auch in diesem Jahr wieder hunderte Menschen zu später Stunde in die kleinste Stadt Nordrhein-Westfalens locken wird.
Mitternacht. Hunderte Leute stehen in Hallenberg auf dem Marktplatz vor der Pfarrkirche St. Heribert. Es ist stockdunkel. Die Straßenbeleuchtung ist aus. In keinem Haus brennt mehr Licht. Die Turmuhr schlägt. Zwölf Mal. Stille. Jetzt ist Ostersonntag. Nach dem zwölften Schlag beginnen die Männer zu singen:
Ihr Sünder kommt gegangen, seht Euren Heiland an.
Wie schmerzlich er tut hangen am harten Kreuzesstamm.
Erschrecklich zugerichtet sein göttlich Angesicht.
Mit Blut ganz überronnen, gleicht eines Menschen nicht.
Fünf Strophen hat das Hallenberger Osterlied. Sie erzählen von Jesu Leid am Kreuz, der Passion, den unvorstellbaren Schmerzen. Dann die letzte Zeile: „So ist mein Seel´ gewissert, sie kommt in deine Händ.“ Das ist das Zeichen. Ein ohrenbetäubender Lärm setzt ein. Große hölzerne Ratschen, eine Handsirene, Hämmer, die auf Sägeblätter und Metallplatten schlagen. Selbstgebaute Krachinstrumente erfüllen die dunkle Nacht mit ohrenbetäubendem Lärm. Später ordnet die Trommel des Burschenvereins die Instrumente. Schlägt sie, klingen die metallenen Instrumente. Schweigt sie, werden die schweren Holzratschen geschwungen.
Osternacht ist schwere Arbeit
Die Hallenberger Osternacht ist eine Tradition, deren Gepräge aus vorchristlicher Zeit stammt. Ihr Ursprung ist heidnisches Brauchtum: Der Lärm sollte Dämonen vertreiben und Unheil abwenden. In der Zeit des Barocks erfuhr dieses Brauchtum in Hallenberg durch verschiedene Symboliken eine Christianisierung. Aus dieser Zeit stammt auch das zitierte Lied.
Genaues über den Ursprung der Osternacht ist nicht bekannt. Bei dem möglicherweise bereits zum Ende des 17. Jahrhundert bestehenden Brauch werden nicht nur Krachinstrumente aller Art durch und um die Stadt getragen, sondern auch drei über 2,5 Meter hohe beleuchtete Kreuze, erklären Heribert Knecht und Georg Glade. Beide stammen aus der Stadt und gehen seit vielen Jahrzehnten bei der Hallenberger Osternacht mit. Auf der Vorderseite der Kreuze sind die Wundmale sowie das Antlitz Christi dargestellt, auf der Rückseite steht: „O crux, ave, spes unica.“ Auf deutsch: „O Kreuz, sei gegrüßt, einzige Hoffnung.“
Georg Glade ist ehrenamtlicher Pfarr- und Stadtarchivar in Hallenberg und hat sich über mehrere Jahrzehnte intensiv mit der Geschichte seiner Heimatstadt beschäftigt. Der 69-Jährige hat die Osternacht schon oft als Teilnehmer „erlebt und auch erlitten“.
Was das bedeutet: Die Lärminstrumente dürfen ausschließlich mit Muskelkraft bedient werden – elektrische oder mit Druckluft betriebene Geräte sind verboten. Viele der metallenen Instrumente sind mittlerweile auf Handwagen gebaut. Doch einige Männer tragen sie auch noch klassisch auf dem Rücken durch die Straßen: Sie schulterten sich Pfosten mit großen Sägeblättern oder zu zweit schwere leere Gasflaschen auf den Rücken, die die Hintermänner dann mit Hämmern bearbeiteten. Auch die Männer, die die schweren Holzrasseln über ihren Köpfen schwingen, haben es nicht viel leichter. Jeweils mehrere Männer führen zusammen ein Instrument, wechseln sich dabei ab. Trotz der kurzen Pausen, die dadurch entstehen, sei es für jeden enorm anstrengend: „Als ich 60 wurde, habe ich auch gemerkt, dass ich es nicht mehr kann. Ich musste mit dem Rasseln aufhören“, scherzt Glade.
Die Hallenberger Osternacht
Träger und Veranstalter der Osternacht ist der Katholische Burschenverein Hallenberg 1746 e. V. Für die Burschen ist die Osternacht bis heute „der Höhepunkt des Vereinslebens“. Mitglied im Burschenverein kann nur sein, wer männlich und nicht verheiratet ist. Der Ablauf, die Symbolik, das Lied – alle zentralen Charakteristika des Brauchs sind über die Jahrhunderte bewahrt worden. Im Umzug selbst gehen rund 150 Männer mit, die nicht alle Mitglieder des Vereins sein müssen. Frauen gesellen sich mit den übrigen Zuschauern an den Straßenrand. Die Burschentrommel, ursprünglich eine Landknechtstrommel aus dem Dreißigjährigen Krieg, zeigt an, welche Instrumentengruppe gerade ihren Einsatz hat. Das Nachtwächterhorn signalisiert einen Wechsel zwischen den beiden Gruppen. Bei der Prozession geht ein Kreuz voran, gefolgt von mehreren Fackelbäumen, dem zweiten Kreuz, den Holzrasseln, dem dritten Kreuz, Trommel und Horn sowie den Wagen mit den metallenen Lärminstrumenten. Während der gesamten Prozession ist in Hallenberg die Straßenbeleuchtung ausgeschaltet. Der Umzug, der einmal den historischen Stadtkern umrundet und dreimal um die Kirche geht, dauert rund anderthalb Stunden. Zum Finale stellen sich nach dem Rundweg die drei Kreuze und einige Rasseln auf dem Petrusbrunnen vor der Pfarrkirche auf. Dann erklingen mit großem Getöse für einige Minuten alle Instrumente zusammen, bis alle plötzlich aufhören und die Osternacht ihr Ende findet.
Ein inneres Bedürfnis
Heribert Knecht war früher selbst Bursche in Hallenberg und hat in jungen Jahren Krach gemacht. Vor fünf Jahrzehnten übernahm der 74-Jährige zusammen mit drei Freunden eines der drei großen Kreuze. Diese werden in der Regel in der Familie vererbt oder freundschaftlich von Generation zu Generation weitergegeben. So wechselt er sich auch unter anderem mit seinen beiden Söhnen beim Tragen des Kreuzes während der Osternacht ab. Auch die Instandhaltung des Kreuzes gehöre zu Knechts Verantwortung. Seit die Kreuze nicht mehr mit Kerzen beleuchtet werden, sondern elektrisch mit Autobatterien, sei dies aber ein wenig einfacher geworden.
„Die Osternacht ist den Menschen hier in Hallenberg ein inneres Bedürfnis“, fügt Georg Glade hinzu. Besonders deutlich wurde das 2020 und 2021, als wegen der Corona-Pandemie kein Umzug möglich war. Heribert Knecht und die Träger der beiden anderen Kreuze hatten sich um Mitternacht an der Kapelle auf dem Kreuzberg über der Stadt positioniert. Hoch oben, für jede und jeden gut sichtbar, strahlten die hell erleuchteten Kreuze über die Stadt. In ihren Höfen und Gärten machten die Hallenberger dazu Krach.
Das Kreuz – wie ein Fels in der Brandung
Auf dem ersten Wegstück trägt Heribert Knecht das Kreuz eigentlich nie selbst. Die drei Kreuze stehen meist schon vor Mitternacht am Marktplatz unterhalb der Pfarrkirche für den Beginn des Umzugs aufgestellt, bekommen die Atmosphäre am Ostchor nicht mit – und diese sei eine ganz intensive. Herrscht vorher noch reges Gemurmel um die Kirche herum, wird es mit dem ersten Uhrschlag plötzlich inmitten von hunderten Menschen mucksmäuschenstill. Alle singen nach dem zwölften Schlag gemeinsam das Hallenberger Osterlied. „Gänsehaut! Jedes Jahr wieder!“, sagt Knecht. Die Möglichkeit diesen Moment für sich zu genießen, lasse er sich nicht nehmen. Wenn sich der Umzug dann von der Kirche aus in Bewegung setzt, überwiege meist die körperliche Anstrengung. Zeit für Ruhe, Zeit zum Nachdenken bleibe kaum. Aber dennoch sei es höchst emotional, sagt Georg Glade: „Der Blick geht zum Kreuz hin. Das Einzige, was in der gesamten Stadt, inmitten des Krachs, leuchtet, sind die zwischen den Fackelbäumen herausragenden Kreuze.“
Für Außenstehende könne der Brauch durchaus skurril wirken, gibt Glade zu. Für ihn stehe jedoch der Aspekt der Verkündigung im Mittelpunkt. Die gesamte Stadt werde umrundet: „Alle sollen es mitbekommen – das Leiden und das Erlösungswerk Christi.“ Der Zug sei schmerzhaft, laut, chaotisch – so wie es Jesu Passion eben auch war. Aber: „Aus diesem Chaos ragen die drei Kreuze heraus – ganz ruhig mitten in diesem infernalischen Lärm. Sie sind immer zu sehen.“ Durch die Beleuchtung der Kreuze wird der rote Stoff, mit dem sie behängt sind, transparent. Nach vorne schimmern das aufgemalte Antlitz Jesu und die fünf Wundmale. Nach hinten strahlt, für die Teilnehmer des Umzugs immer sichtbar, die Aufschrift der Kreuze: ave, spes unica, sei gegrüßt, einzige Hoffnung. Auch das eigene Leben könne oft chaotisch erscheinen, chaotisch wie das Treiben auf den Hallenberger Straßen während der Osternacht. Dem stelle sich das Kreuz entgegen: „Mitten im Chaos steht das Kreuz – in der Welt wie in unserem Umzug. Das gibt Richtung, Halt und Orientierung“, sagt Glade.
Jetzt ist Ostern
In Hallenberg steht die Osternacht im Zentrum einer österlichen Trilogie. Bereits an Karfreitag wird das Osterfeuer entzündet, was in vielen anderen Orten am Ostersonntag geschieht. Die Burschen beten auf dem Kreuzberg in Hallenberg den Kreuzweg. Im Dunkeln ziehen sie dann in einem Fackelzug zum Langeloh, einem Höhenzug unterhalb der Stadt, wo am dortigen Feuerplatz „O Haupt voll Blut und Wunden“ gesungen wird. Nach der Segnung durch den Präses der Burschen wird das Feuer entzündet. In der Nacht zum Ostersonntag folgt dann die Osternacht. Wenige Stunden später, im ausklingenden Dunkel der Nacht, wird in der Pfarrkirche die Auferstehungsmesse mit dem Entzünden der Osterkerze gefeiert. Sie endet im Licht des Ostermorgens, dem Licht der Auferstehung Christi.
Das Besondere an der Hallenberger Osternacht sei, so Glade, dass sie über die Jahrhunderte kaum verändert wurde. Nichts verbinde er so spezifisch und emotionsgeladen mit seiner Heimatstadt wie dieses Brauchtum. Jedes Jahr aufs Neue spüre er im Vorfeld eine Mischung aus Unruhe und Vorfreude. Es gebe ein Gefühl von Beheimatung. „Ich habe es schon als junger Mensch so empfunden, dass die Leidenszeit mit dem Krach der Osternacht endet“, pflichtet Knecht ihm zu. „Dann ist Ostern. Dann ist die Freude da.“
Die Hallenberger Osternacht vertreibt das Dunkel der Passion. Woher stammen solche Bräuche? Dazu haben wir im Interview mit Jun.-Prof. Dr. Matthias Daufratshofer gesprochen, Lehrstuhlinhaber für Kirchengeschichte unter besonderer Berücksichtigung der Bistumsgeschichte an der Theologischen Fakultät Paderborn.