Aktuelles

Hans Bexkens (links) und Siegfried Schramm engagieren sich seit vielen Jahren in der Notfallseelsorge. Bei schweren Einsätzen geben ihnen ihr Glaube und das Vertrauen in die Kolleginnen und Kollegen Halt. © Sonja Funke / Erzbistum Paderborn
27.07.2026

Notfallseelsorge: Einfach da sein, Situation erspüren und vielleicht einen Segen anbieten

Am 31. Juli 2026, 11 Uhr, feiert Erzbischof Bentz im Dom den Libori-Blaulicht-Gottesdienst mit allen Einsatzkräften. Warum Ehrenamtliche in der Notfallseelsorge auch nach schwersten Einsätzen an ihrem Glauben festhalten – ein Porträt.

Notfallseelsorgerinnen und Notfallseelsorger wissen nie, was sie erwartet, wenn das Telefon klingelt. Ein plötzlicher Todesfall, ein Verkehrsunfall? Ein Unglück in einem Unternehmen, einer Schule? Seit vielen Jahren begleiten Hans Joachim Bexkens und Siegfried Schramm Menschen in genau solchen Ausnahmesituationen als ehrenamtliche Notfallseelsorger. Sie erleben Trauer, Verzweiflung und Sprachlosigkeit. Und dennoch zweifeln sie nicht an Gott. Im Gegenteil: Gerade dort, wo Menschen mit Leid konfrontiert sind, sehen sie ihren Glauben besonders gefordert. Was trägt sie? Wie begegnen sie Angehörigen?

Gibt es ein „am schlimmsten“?

Jeder Einsatz ist ein Notfall. Jeder Mensch erlebt seine eigene Katastrophe, die sein Leben für immer verändert. Dennoch gibt es Situationen, die selbst erfahrene Notfallseelsorgende nicht loslassen. „Am schlimmsten sind Einsätze, wenn Kinder verstorben sind“, sagen Hans Bexkens und Siegfried Schramm. Bexkens erinnert sich noch heute an seinen allerersten Einsatz vor fast 25 Jahren, als eine Mutter und ihr Kind ertrunken waren. „Danach kam im Grunde nichts mehr, was schlimmer war.“ Dabei folgten über die Jahrzehnte ein Flugzeugabsturz, Explosionen, Todesfälle unter Gewalteinwirkung, mehrere Suizide.

„Es sind nicht unbedingt die großen Geschichten, die einen umschmeißen“, sagt Bexkens, der im Hochsauerlandkreis unterwegs ist. Sein ehrenamtlicher Kollege Siegfried Schramm, mit seinem Team zuständig für den gesamten Kreis Soest, erzählt von häuslichen Todesfällen, die ihm besonders nahegehen. Von Ehepartnerinnen oder Ehepartner, die nach Jahrzehnten gemeinsamen Lebens plötzlich allein zurückbleiben. Und auch ihn begleitet bis heute insbesondere die Erinnerung an tödliche Unfälle mit Kindern.

Warum ließ Gott das zu?

Wer immer wieder mit Leid konfrontiert wird, begegnet früher oder später auch der Frage nach Gott. Warum greift er nicht ein? Warum verhindert er das Böse nicht? Für Siegfried Schramm gehört diese Frage zum Kern seines Glaubens. Seine Antwort ist klar: „Gott hat uns zu frei handelnden Wesen geschaffen. Er ist nicht für das Unheil der Welt verantwortlich oder gar schuld daran, sondern er begleitet uns im Unheil. Er ist immer bei uns.“

Dieser Gedanke trägt ihn seit vielen Jahren. Der Glaube gibt Schramm deshalb selbst Halt. Und genau diese innere Haltung prägt auch seine Arbeit in der Notfallseelsorge. „Für mich brauchst du in der Notfallseelsorge drei Dinge: Vertrauen zu dir selbst, Gottvertrauen und Vertrauen zu deinen Kollegen. Wenn du nur zwei Standbeine hast, um in den Einsatz zu gehen, fällt dein Ding um.“ Gerade dieses Zusammenspiel hilft ihm, auch schwere Einsätze auszuhalten.

Wie bleibt das Erlebte nicht an einem hängen?

Wer Menschen in ihren schwersten Stunden begleitet, kann das Erlebte nicht einfach an der Haustür abstreifen. Jeder und jede entwickelt deshalb eigene Wege, um nach einem Einsatz wieder zur Ruhe zu kommen – sei es Musik, Beten, die Kerze in der Kirche oder erst einmal nur das Schreiben des Einsatzberichtes. „Ich schreibe erst den Bericht und versuche dann, alles über ein Gebet abzugeben. In dem Sinne, dass Gott das jetzt weitermachen muss“, sagt ein Notfallseelsorger beim Oasentag für alle Ehren- und Hauptamtlichen in St. Bonifatius Elkeringhausen. 

Und: Es gibt Zeiten, in denen man sich vielleicht auch erstmal ein paar Monate zurückziehen muss. Hans Bexkens hat das erfahren: „Ich hatte so viel Schlimmes erlebt, ich konnten nicht mehr segnen.“ Ein guter geistlicher Begleiter sagte ihm damals: „Jetzt musst Du erstmal dich zulassen.“ Nach einer Weile war er wieder bereit für den Dienst.

Insgesamt kann Notfallseelsorge als Ehrenamt sehr erfüllend sein. „Die Menschen sind grundehrlich, wenn sie in einer Notsituation sind. Sie vertrauen einem alles an“, betont eine Notfallseelsorgerin beim Oasentag. Für sie ist das zugleich eine große Verantwortung und ein Geschenk. „Dass man sie ein Stück begleiten darf, ist auch eine Ehre.“

Den richtigen Moment spüren

Während bei Großschadenslagen viele Einsatzkräfte beteiligt sind, richtet sich der Blick bei häuslichen Todesfällen oft ganz auf eine einzelne Familie. Auch hier herrscht allerdings oft viel Unruhe. Es kommen womöglich Ermittler von der Polizei, der Bestatter, Nachbarn und Freunde, Familienmitglieder ins Haus. Mittendrin: die am engsten Betroffenen. Die Notfallseelsorger versuchen, mit den Angehörigen einen ruhigeren Ort aufzusuchen bzw. im Raum mit den Verstorbenen noch einen Moment zur Ruhe zu kommen, bevor die weiteren, zwingend nötigen Abläufe beginnen.  Hans Bexkens erlebt immer wieder, wie wichtig so ein stiller gemeinsamer Moment ist.

Und: Notfallseelsorge kennt keine Zeitbeschränkung. Manche Einsätze dauern eine halbe Stunde, andere mehrere Stunden. Es gibt zudem keine feste Regel, wann der richtige Zeitpunkt zum Abschied gekommen ist“, sagt Siegfried Schramm. „Da ist ein Gespür, zu merken: Jetzt ist die Zeit gekommen, sich zu verabschieden.“

Sensibel schauen, ob ein Gebet oder ein Segen erwünscht sind

Insgesamt gehört in der Notfallseelsorge vor allem eines dazu: aufmerksam wahrzunehmen, was ein Mensch gerade braucht. Manchmal geben religiöse Zeichen in der Wohnung einen ersten Hinweis. Ein Kreuz an der Wand, eine Marienfigur oder andere vertraute Symbole können zeigen, dass Gebet und Segen willkommen sind. Entscheidend bleibt aber immer das Gespräch. „Wenn es passt, frage ich die Angehörigen: Darf ich die verstorbene Person noch segnen?“, sagt Hans Bexkens. Allerdings: Nicht jede Familie wünscht ein Gebet oder einen Segen. In erster Linie genügt einfach nur Anwesenheit einer helfenden Person.

Notfallseelsorge bedeutet nicht, möglichst viele Worte zu finden. Sondern den Schmerz auszuhalten, den Gefühlen Raum zu geben und erst dann zu handeln, wenn die betroffenen Menschen selbst dazu bereit sind. Dass der Wunsch nach ganz alltäglichen Routinen ein gutes Zeichen sein kann, erzählt ein Notfallseelsorger beim Oasentag in Elkeringhausen. „Komm, wir schmieren uns jetzt eine Schnitte Brot. Oder wir machen uns eine Tasse Kaffee.“ Keine Frage, dass er dann den Kaffee mittrinkt, das Brot mitisst. Denn solche Gesten sind für ihn sehr wertvoll. Sie holen Menschen langsam aus ihrer Erstarrung zurück. Sie helfen ihnen, wieder ins Handeln zu kommen und einen ersten Schritt zurück in die Wirklichkeit zu machen.

Gemeinsames Beten kann ein erster Weg aus der akuten Krise sein

Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt eine solche Haltung der Notfallseelsorgerinnen und -seelsorger als mediopassiv: Die Engagierten begleiten die Krise nicht nur passiv. Sie öffnen sich zugleich für etwas, das ihnen widerfahren kann. Dies kann sich auch in einem Gebetswunsch äußern. „Besonders bewegend sind jene Momente, in denen Angehörige selbst um ein Gebet bitten“, sagt Siegfried Schramm. Er erinnert sich an einen Mann, dessen Frau gerade verstorben war. Nachdem die Familie zusammengekommen war, fragte er vorsichtig: „Wollen wir noch kurz ein Gebet machen?“ Der Ehemann führte ihn daraufhin in ein Zimmer voller Erinnerungsstücke seiner Frau. Dort beteten sie gemeinsam. „Da entstehen intensive Begegnungen.“

Pfarrer Klaus Engel sieht als langjähriger Notfallseelsorger hier die besondere Aufgabe christlicher Seelsorge: „Mediopassiv begleiten heißt: Ich bin zwar in der tiefen Krise und komme da nicht heraus. Aber wenn ich bete, ist das vielleicht der erste Weg. Und was gibt es Schöneres für uns Notfallseelsorgerinnen und Notfallseelsorger, als genau diesen Weg mit den Angehörigen zu gehen?“ Und so gerät ein Segen am Ende eines Einsatzes häufig zu einem besonders stimmigen Abschluss. Das hat auch Hans Bexkens erlebt.

Ein Segen tut vielen gut

Dieser Segen soll und kann die Situation nicht lösen. Er gibt Zuspruch und macht Gottes Zuspruch hörbar. Ob und wie er wirkt, das ist nicht messbar und letztlich unerheblich. Häufig merken die Ehrenamtlichen jedoch, dass etwas geschieht. Dass es Trost gab, den Betroffenen etwas Gutes getan wurde.

Christliche, ökumenische Notfallseelsorge versucht nicht, das Leid zu erklären. Sie bleibt, hört zu, ist vor Ort. Und sie vertraut darauf, dass Gott längst da ist.